Primera Air ist pleite

Eigentlich wollte Primera Air im Sommer 2019 neue Nordamerika-Strecken ab Berlin und Frankfurt aufnehmen – doch nun hat die Airline überraschend den Betrieb eingestellt.

Primera Boeing 737-700
Primera Boeing 737-700 (CC 2.0 S. Wright)

Die nordeuropäische Primera Air hat am Abend des 1. Oktober 2018 ihre letzten Flüge durchgeführt und den Flugbetrieb offiziell eingestellt. Am gleichen Tag wolle man Insolvenz anmelden, hieß es.

Passagiere aber auch Crews waren völlig überrascht von dem Schritt. Laut Medienberichten hängen einige Crews in den USA und Kanada fest und verbrachten die Nacht auf dortigen Flughäfen, angeblich auf dem Boden schlafend. Ihr ex-Arbeitgeber hat offenbar nicht vor, sie heimzufliegen. Aus London-Stansted heißt es via twitter, dass der Airport einen A321neo (OY-PAF) an die Kette gelegt hat, bis ausstehende Zahlungen beglichen sind. Inzwischen ist sogar von vier beschlagnahmten Flugzeugen die Rede.

Noch vor wenigen Wochen hatte die 2003 gegründete Airline neue Nordamerika-Verbindungen u.a. ab Berlin-Tegel und Frankfurt für den Sommer 2019 angekündigt. So sollte es z. B. mit neuen Boeing 737 MAX 9 ab Juni 2019 von Tegel nach New York-Newark, Boston und Toronto gehen – und das für Kampfpreise ab 149,- EUR. Andere Strecken ab Paris, London und Birmingham sollten dagegen mit Airbus A321neo bedient werden. Mehrheitlich bediente Primera Air aber die üblichen Warmwasserziele rund um das Mittelmeer.

Keine neuen Investoren gefunden

In einer Mitteilung des Verwaltungsrats heißt es, dass es nicht gelungen sei, einen Überbrückungskredit von der Bank zu erhalten. Mit diesem sollten mehrere Belastungen aus den letzten beiden Jahren abgemildert werden. So soll es u.a. an einem Flugzeug zu „schweren Korrosionsproblemen“ gekommen sein, die Kosten von über 10 Mio. EUR verursachten.

Der Start ins Langstreckensegment mit den neuen A321neo soll zwar gut angelaufen sein, doch Lieferprobleme (aufgrund der noch immer anfälligen neo-Triebwerke) führten zu Stornierungen und Flugausfällen, worauf Passagiere wiederum Anspruch auf Entschädigungszahlungen erwarben. Um das Problem in den Griff zu bekommen, leaste Primera Air fremdes Fluggerät für über 20 Mio. EUR. Gleichzeitig zogen die Treibstoffpreise an – offensichtlich hatte man sich nicht genügend dagegen abgesichert (Fuel Hedging).

Erst vor wenigen Tagen hatte Azur Air Germany sowie der deutsche Ableger der Small Planet Airlines Insolvenz in Berlin angemeldet; jedoch läuft der Betrieb hier weiter. Small Planet Deutschland will sich in Eigenverwaltung neu aufstellen. Weitere Pleiten der jüngeren Vergangenheit legten die die Regionalairlines VLM (Belgien) und Skywork (Schweiz).

Über Primera Air

Primera Air wurde 2003 in Island unter dem Namen JetX gegründet. Der Low-Cost-Flugbetrieb lief im Mai 2004 mit MD-82 an. Im Jahr 2006 stieg die Primera Travel Group ein und übernahm 60 % der Airline, die inzwischen drei MD-82/83 betrieb. Es folgte die schrittweise Umstellung auf Boeing 737-800 und die Aufnahme erster Charterdienste. Ende 2007 übernahm man eine Boeing 767-300ER für Langstreckenflüge von Skandinavien nach Südostasien. Im Oktober 2008 erfolgte die Umbenennung in Primera Air; ein Jahr später übernahm Primera Air Scandinavia den Flugbetrieb der isländischen Primera Air. Die Flugzeuge wurden in das dänische Register übernommen und der Sitz nach Billund verlegt. Im September 2014 wurde die lettische Tochter Primera Air Nordic mit Sitz in Riga aus der Taufe gehoben. Sie führte Aufträge der dänischen Mutter sowie von Reiseveranstaltern durch.

Zur Flottenmodernisierung und für den weiteren Netzwerkausbau orderte das Unternehmen sechs Airbus A321neo (new engine option), zwei A321LR (long range) sowie bis zu 20 Boeing 737 MAX 9.

European Aviation.net

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